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Am Ende der Nacht – oder die Nacht am Ende?

DER LETZTE MACHT DIE MUSIK AUS!
Das Schreckgespenst vom Clubsterben geht um. Was ist dran am Negativ-Hype und wie sehen das die Saarbrücker Clubmacher.

Das Ende des „N8Werk“ sorgte diesen Sommer für reichlich Aufmerksamkeit. Immerhin strich hier eine seit mehr als dreißig Jahren beliebte Institution des Saarbrücker Nachtlebens die Segel. Aber nicht nur Mainstream-Großraumdiskotheken scheinen betroffen zu sein, denn mit dem „Alice“ musste unlängst auch ein kleiner Szeneclub aufgeben. Die Frage ist nur, handelt es sich hier um jeweils hausgemachte Probleme oder steht wirklich der Fortbestand des Konzepts Tanzlokal auf der Kippe?

Im Blau erst seit kurzem mitverantwortlich, kennt Michael Kastel als DJ die Branche schon seit Jahren von innen: „Ich denke, was im Augenblick helfen könnte, wären mehr Absprachen und Zusammenarbeit der Clubs. Ein Miteinander statt eines Gegeneinander, das ist der Weg.“
Im Blau erst seit kurzem mitverantwortlich, kennt Michael Kastel als DJ die Branche schon seit Jahren von innen: „Ich denke, was im Augenblick helfen könnte, wären mehr Absprachen und Zusammenarbeit der Clubs. Ein Miteinander statt eines Gegeneinander, das ist der Weg.“

Michael Kastel vom Blau Niteclub kennt das Problem: „Die Thematik entgeht ja keinem, der auch nur ansatzweise mit der Szene was zu tun hat. Nicht nur aus der Presse, sondern auch hier vor der eigenen Tür kriegt man ja mit, dass die „Großen“ immer mehr Probleme haben sollen, was sich aber auch bis zu den kleinen Clubs runterzieht.“

Schnell tauchten in den sozialen Netzwerken Schuldzuweisungen auf, die das Ende des Nachtlebens heraufbeschworen. Natürlich gleich mit den passenden Schuldigen für diesen angeblichen Negativ-Trend: das böse Internet, eine neue Bar- und Kneipenkultur, raffgierige Clubbetreiber, ein Mainstream-Publikum, dass nur noch Billig-Konzepte feiert und natürlich der demographische Wandel der eigentlich immer schuld an allem ist. Wäre ja schön, wenn es so einfach wäre – ist es aber nicht.

Ene, mene, muh – schuld bist du!

Sicher hat das Internet einen gewaltigen Einfluss auch auf das Clubleben, durchaus auch mit Nachteilen, nur ob die signifikante Veränderungen im Umgang mit dem Tanzengehen getriggert haben, scheint fragwürdig. Bestimmte zwischenmenschliche Bereiche zum Beispiel, wie Kennenlernen, Flirten und erster Kontakt, die früher ganz klar den Diskos vorbehalten waren, finden längst online statt. Aber egal wo und wie man jemanden kennengelernt hat, irgendwann will man dem auch mal im real life begegnen und dazu geht es auch heute noch, ins Kino, ins Restaurant oder eben in den Club – Facebook hin, Tinder her!

Von Diskothekenbetreibern werden im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Online-Fluch vor allem Fotoposts als kontraproduktiv gebrandmarkt, die ganz zu Beginn einer Nacht leere Locations mit entsprechenden Kommentaren zeigen. Aber mal im Ernst, wer erwartet denn, dass ein Laden eine Viertelstunde nach Öffnung pressvoll ist und sich die feiernde Menge die Kleider vom Leib reißt? Sind da nicht eher die von manchen Clubs selbst lancierten, immer gleichen Fotos ein Problem, bei denen der Club X und der Laden Y prinzipiell immer „platzen“, „eskalieren“ oder „voll Amok“ sind – ganz unabhängig davon was wirklich los ist?

Viel mehr für eine sich im Wandel befindliche Clubkultur, sprechen da andere Phänomene wie beispielsweise eine neue Bar- und Kneipenkultur. Da finden sich nämlich mittlerweile überall richtig fette Anlagen. „Grundsätzlich zeichnet sich schon eine Veränderung im Ausgehverhalten ab“ erklärt Club Seven Geschäftsführer Christoph Bäuml. „Auf einmal gibt es gute Restaurants und Bars in denen DJs auflegen und das auch mal bis fünf Uhr morgens. Man muss einfach anerkennen, dass heute dem Clubbesuch viele Aktivitäten voraus gehen, wie eben Abstecher in Restaurants und Bars. Und wenn man bereits ab 20 Uhr unterwegs ist, hat die Nacht auch schon mal um Zwei ein Ende. Erst recht wenn viele am nächsten Morgen zum Sport wollen.“

Hinzu kommt noch eine weitere „Gefahr“ für die Clubs: die Generation Festival. Die Zahl dieser Veranstaltungen hat in den letzten Jahren exponentiell zugenommen und diesen Sommer gab es kaum ein Wochenende ohne mindestens ein Festival. „Natürlich gibt’s diejenigen, die nur noch auf Festivals gehen oder mit eigenen Getränken irgendwo im Freien oder auf WG-Partys vorglühen.“ ergänzt Christoph Bäuml. „Es gibt aber auch mehr und mehr Gäste, deren Lifestyle ganz anders aussieht. Mir fallen auch immer öfter ganz junge Leute auf, die zum Beispiel beim nicht gerade billigen Japaner sitzen, Sushi essen und bei einem Glas Wein erzählen, wie sie am letzten Wochenende im Club rumgeknutscht haben. Wenn man vor ein paar Jahren einen 18jährigen gefragt hat, was er trinken will, hätte der mit ziemlicher Sicherheit Mixery gesagt, heute fragt er vielleicht erstmal welche Weinsorten es denn gibt.“

Ponyhof mit leichten Dellen

Aber allein die Tatsache, dass der Freitag fast überall zum Ruhetag avanciert ist, zeigt, dass auch bei uns nicht alles Ponyhof ist. Und das nicht nur den Sommer über, sondern sogar bis Oktober! Ist das also nun dieses andernorts vielbeschriebene Clubsterben, das Saarbrücken erreicht hat oder vielleicht doch nur individuelle Fehler und Versäumnisse der Clubmacher?

Denn das in deren Reihen einige durchaus mit einem gewissen Realitätsverlust zu kämpfen haben, machen Zitate wie das Folgende deutlich. Äußerte doch da ein ehemaliger Betreiber gleich mehrerer Saarbrücker Diskotheken im Zusammenhang mit der Pleite des N8Werks in der Bild Zeitung: „Heute lo¬cken alle Saar-Tanztem¬pel zu¬sam¬men an guten Sams¬ta¬gen nur noch 3.000 Leute an.“ Wer solche Zahlen zur Basis seiner konzeptionellen und kaufmännischen Entscheidungen macht, für den wird das Clubsterben schnell Realität – aber nur das des eigenen.

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Aladin Amiris Club Alice musste leider vor wenigen Wochen schließen: „Der Konkurrenzkampf in der Techno-Szene ist von Jahr zu Jahr größer geworden. Viele Clubs in Saarbrücken liefern sich einen Wettkampf, bei dem es leider keinen Schiri gibt.“

Der Sache viel näher kommt das erfreulich ehrliche Statement des letzten N8Werk-Betreibers Mike Henning, der offen zu den Gründen erklärte: „Wir haben unser Bestes gegeben. Es hat nicht gereicht und wir sind hier leider geschäftlich gescheitert. Ich hab’ die Geschäftsentwicklung falsch eingeschätzt
und auf’s fal¬sche Ziel¬pu¬bli¬kum ge¬setzt.“ Solche ehrliche Selbstkritik ist aller Ehren wert, wo es doch so viel bequemer wäre, eine diffuse Clubkrise zum Schuldigen zu machen.

Eine ähnlich klare Sicht, warum der eigene Laden – auch ganz ohne Clubsterben – nicht überlebte, hat Aladin Amiri. Sein mit enorm viel Herzblut ausgestatteter, kleiner Szeneclub „Alice“ musste gerade erst im September die Segel streichen. „In Saarbrücken hat sich die Techno-Szene in den letzten Jahren massiv entwickelt. Manche Clubs definieren sich nur über teure Bookings und binden so das ganze Publikum. Clubs, die mehr als nur Musik zum Tanzen anzubieten, haben es schwer. Ich habe versucht Techno mit Live-Musik, Lesungen, Theaterstücken zusammen zu bringen und bin dann als Existenzgründer an den hohen Kosten gescheitert. Jetzt mache ich quasi zwei Schritte nach hinten, setze ich meine Ideen künftig als Veranstaltungen in gut ausgestatteten Clubs um und kann mich da auf das Wesentliche konzentrieren.“

Land in Sicht

Natürlich sind es im Augenblick keine einfachen Zeiten für die Clubgastronomie. Schon das Rauchverbot markierte vor über zehn Jahren einen ersten Einschnitt und der demographische Wandel schickt schon erste spürbare Vorboten voraus. Aber auch in Saarbrücken zeigen jedes Wochenende Clubmacher wie man auch unter diesen Bedingungen erfolgreich im Nachtleben agieren kann.

Mit dem Club „Mauerpfeiffer“ hat Tim Grothe im Juli am Saarbrücker Ludwigskreisel einen Ort für „Clubnächte, Konzerte, Kunst, Kultur & Unterhaltung.“ eröffnet. Unbeeindruckt von Krisengerede hat er massiv investiert und eine Ausnahmelocation auf die Beine gestellt. „Was die Situation im Augenblick zwar schwierig macht, ist eine gewisse „Überversorgung“ vor allem durch die allgegenwärtigen Festivals mit elektronischer Musik. Dabei war gerade diese Musik bisher exklusiv den Clubs vorbehalten, die diese Sounds erst groß gemacht haben. Diese Funktion werden Clubs aber auch weiterhin haben und sich so vom Einheitsbrei des Mainstream distanzieren. Mit unserem breiten, kulturellen Angebot von Partys, Konzerten und anderen kulturellen Angeboten sind wir bestens aufgestellt.“

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Christoph Bäuml vom Club Seven weiß um die Stärken der Location: „Bei uns lebt das Konzept noch. Bei uns lebt eine Hip Hop Party vom Hip Hop und nicht davon, dass alle Getränke nur 10 Cent kosten.“

Solches Engagement funktioniert aber nicht nur in der „Szene“ sondern auch im Mainstream. Der „Club Seven“ zeigt mit anhaltend beeindruckendem Erfolg, dass auch größere Diskotheken, die ja eigentlich die ersten Kandidaten für Clubsterben sein sollen, mit den richtigen Konzepten sehr wohl bestens bestehen können. „Wir versuchen sicherzustellen, dass man immer zu uns kommen kann, auch wenn die Veranstaltung an einem bestimmten Abend vielleicht nicht unbedingt der eigenen Lieblingsmusik entspricht“ verrät Christoph Bäuml ein bisschen vom Erfolgsgeheimnis des Clubs. „Wir versuchen auch vorausschauend stets attraktiv für einen möglichst breiten Publikumsquerschnitt zu bleiben. Eher mal einen Trend setzen als sich nur anzupassen. Wichtig ist dabei, dass wir uns auch bei einem gemischten Programm dennoch im Kern immer treu bleiben.“

An das Ende von Clubs und Diskotheken glaubt auch Michael Kastel vom „Blau“ nicht. Dort wurde gerade erst aufwendig umgebaut und sich um ein Stockwerk erweitert. „Ich denke im Augenblick sind die Clubs klar im Vorteil, die flexibel sind. Deswegen haben wir ja auch die drei Floors ausgebaut und können so jederzeit auf die Besucher reagieren. Ich denke, das ist das Geheimnis im Moment, denn gerade im elektronischen Bereich ist der Kuchen nicht unendlich groß.“

… und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende

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Von einer möglichen Krise unbeeindruckt hat im Sommer am Saarbrücker Ludwigskreisel der aufwendig gestaltete Club und Kulturort Mauerpfeiffer eröffnet.

Kann es also sein, dass viel eher als ein drohendes Clubsterben, hausgemachte Gründe für viele der bestehenden Probleme verantwortlich sind. Haben nicht vielleicht einige Saarbrücker Locations über Jahre versäumt, für sich eigene, starke Marken aufzubauen? Klar ist das im Zweifelsfalle ein schwieriger Weg, aber die immer gleichen DJs reihum in allen Clubs, heute hier morgen dort, sorgten höchstens für eine gewisse Beliebig- und Austauschbarkeit. Noch vor zehn, fünfzehn Jahren konnte man mit geschlossenen Augen nur am Sound der gespielt wurde, sofort erkennen in welchem Saarbrücker Club man war. Das dürfte heute nicht mehr gelingen.

Vielleicht verändert sich das Diskothekengeschäft in der Zukunft etwas, aber das muss ja nichts Schlechtes sein. Schon jetzt denken zum Beispiel viele Clubchefs über das Ende des Eintritts nach. Und wenn es jetzt gerade etwas schwieriger ist, dann hat das auch etwas Positives, denn praktisch alle Verantwortlichen erwarten schon in der nahen Zukunft wesentlich engere Zusammenarbeit in der Clubszene untereinander. Und von alledem profitiert dann vor allem der wichtigste Teil des Nachtlebens: die Gäste!

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