Das nasskalte Schmuddelwetter, das man reinen Gewissens eigentlich gar nicht Winter nennen konnte, hat sich endlich verzogen. Temperaturen und Laune steigen wieder – also nichts wie raus. Dazu braucht es weder eine angeblich ultracoole, neue Trendsportart, noch irgendwelche abgedrehten Fitness-Hypes. Back to the basics ist das Motto, Spazierengehen ist angesagt!
Nichts gegen gesellige Stunden im Biergarten oder beim Schwenken im Garten, aber wenn es das Wetter schon mal hergibt, dann sollte man das jetzt auch wirklich nutzen. Ein bisschen Bewegung hat schließlich noch keinem geschadet und die Zeiten, wo es hip war die ersten schönen Tage nur zum Rumsitzen vor dem Lieblingscafé im Szenekiez zu nutzen sind lange vorbei. Stattdessen werden jetzt vermeintlich altmodische Outdoor-Aktivitäten wie Spazierengehen oder einen Ausflug machen wieder richtig gefeiert, vollkommen zu Recht wie wir finden. Also gehen wir schon mal voraus – und natürlich wollen wir hoch hinaus.
The only way is up
Glücklicherweise hat das Saarland auch unter freiem Himmel jede Menge zu bieten, so dass Strecken für einen ersten Ausflug für Ungeübte an die frische Luft schnell gefunden sind. Besonders geeignet sind natürlich Ziele, die eine Art finaler Belohnung versprechen, zum Beispiel eine prächtige Aussicht – oder zumindest die sichere Erkenntnis, dass der Abstieg nur halb so weh tut.
Für Saarbrücker eignet sich da als Einstiegsdroge wunderbar ein Spaziergang zum Schwarzenbergturm. Alleine die knappe Stunde durch den Stadtwald, je nach dem von welcher Seite man kommt auch weniger, ist der perfekte Einstieg in die Frischluftsaison und selbst für Bingewatcher konditionell problemlos zu bewältigen. Die 241 Stufen, die dann anschließend auf den 46 Meter hohen Turm hochführen würden, sind da schon ein anderes Kaliber, lohnen aber echt wegen des wirklich grandiosen Ausblicks über Saarbrücken und das Saartal. Und die wahrscheinlich etwas fest gewordene Muskulatur lockert sich dann beim entspannten Weg vom Berg herunter sowieso wieder von ganz alleine.
Unglaubliche 200 Meter höher noch ist der Schaumbergturm bei Tholey! Okay, nur vom Meeresspiegel ausgesehen, aber auch mit „nur“ 37,5 Metern über dem Erdboden bietet die Aussichtsplattform einen 360 Grad Rundblick über das Saarland und weit darüber hinaus. Der Hunsrück liegt dem Beobachter gleichsam zu Füßen, der Pfälzerwald ist zum Greifen nah und die Nordvogesen scheinen nur einen Katzensprung weg. Und das Beste für uns nur medium durchtrainierte an dieser Plattform: Sie lässt sich ganz verlockend über den Panorama-Aufzug und einen weiteren Fahrstuhl barrierefrei erreichen. Wer es natürlich lieber sportlich gleich übertreiben will, kann natürlich auch die Treppen steigen. Wenn dann der Puls wieder unter 140 Beats per Minute gesunken ist, verschwinden auch die Schlieren und Sternchen aus dem Sichtfeld.
Marsmädchen Lydia
Ganz ohne eine einzige Stufe kommen die typisch saarländischen Abraumhalden aus, die dennoch ein tolles Ziel für einzigartige Spaziergang sind und mit dem eigentlichen Anstieg auch was zum Kardiotraning beisteuern. Leider ist fast allen Halden inzwischen das zweifelhafte Vergnügen, zuteilgeworden, gastronomisch vollständig erschlossen worden zu sein. Aber zum Glück gibt es noch „jungfräuliche“ Ausnahmen. Allzu lange sollte man allerdings mit einem Abstecher auf die Haldenplateaus nicht warten, denn neben dem Unheil von Menschenhand, wächst und gedeiht hier oben der fortschreitenden Renaturierung geschuldet, einiges an Büschen und Bäumen, so dass abzusehen ist, dass die 360 Grad Aussicht bald ein Ende haben wird.
Unsere Lieblingshalde ist die Lydia bei Camphausen an der A623 gelegen, nicht nur weil sie ein bisschen was von einer Marslandschaft hat. Nachdem man den gut begehbaren Haldenweg erklommen hat, erwartet einen nicht nur ein reizvolles Wechselspiel aus sanften Hügelzügen, weitläufigen Plateaus und kleinen Teichen. Nein, man kann auch auf die Suche nach fossilen Pflanzenabdrücken in den in Vielzahl umherliegenden Steinkohlestücken gehen, die weitläufige Aussicht über den Saarkohlenwald und darüber hinaus genießen oder schließlich doch beobachten, wie sich die Natur nach und nach diesen von Menschenhand geschaffenen Berg zurückerobert.
Wer trotzdem unbedingt noch ein paar finale Stufen als Höhepunkt eines ausgedienten Spaziergangs braucht, dem sei die Halde Duhamel bei Ensdorf empfohlen. Seit September wird die satte 150 m über das Saartal herausragende Bergehalde vom aus allen Himmelsrichtungen weithin sichtbaren Saarpolygon überragt. Das begehbare Denkmal ist rund 30 Meter hoch und genau 132 Stufen führen zu dem rund 35 Meter überspannenden Querstück. Und auch wenn spätestens ab der hundertsten jede Stufe schmerzt lohnt sich der Weg hinauf, denn der Rundumblick ist den Kampf gegen den inneren Schweinehund wirklich wert.
Der gelebte Bildschirmhintergund
Zum Schluss noch ein Abstecher an das saarländische Ausflugsziel schlechthin. Zugegeben, eigentlich kann sie keiner mehr sehen und wohl niemand kam wirklich auf die verwegene Idee, ihr in Windows 10 enthaltenes Foto als Desktophintergrund zu installieren. Die Saarschleife ist so ein bisschen ein Trauma vieler Saarländer. Zu oft wurden wir als Kinder ungefragt auf die Cloef oder die Burg Montclair geschleppt – und das konnte nicht ohne Folgen bleiben. Dabei wird die visuell nicht nur im Wahlkampf allgegenwärtige Flussbiegung oft zu Unrecht verschmäht, denn eigentlich ist das wirklich eine tolle Gegend und perfektes Terrain für verschiedenste Spaziergänge.
Seit Juli letzten Jahres ist hier mit dem Baumwipfelpfad und seinem 42 Meter hohem Aussichtsturm noch eine zusätzliche Attraktion hinzugekommen. Auf dessen Plattform angekommen wird man mit einem einzigartigen Rundblick über die Landschaft des Naturparks Saar-Hunsrück belohnt, natürlich mit dem Tal der Saarschleife und bei klarer Sicht lassen sich auch von hier noch die bis Vogesen ausmachen. Und das alles ohne eine einzige Stufe, denn in gefühlt unendlichen vielen Serpentinen führt eine Rampe mit maximal 6% Steigung hinauf. Das ist dann auch für Rollstuhlfahrer, Kinderwagen und Menschen mit Gehbehinderung leicht zu bewältigen – und für Redakteure von Stadtmagazinen wurde sogar Im Abstand von jeweils 24 Meter an Bänke für Erholungspausen gedacht. Also nichts wie los!










