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Unterhaltung

Pokemon Go:

Sie sind unter uns – auch in Saarbrücken …
RETTE SICH WER KANN!
Eigentlich dachten wir ja, der sittliche Untergang des Abendlandes käme mit reichlich Sex, Drugs & Rock’n Roll daher. Von wegen! Jetzt sieht es eher danach aus, als ob uns kleine japanische Taschenmonster den kulturellen Garaus bringen. L!VE hat untersucht, wie stark unsere saarländische Heimat schon verseucht ist. Eine Bestandsaufnahme in der „erweiterten Realität“.

Vorbei die gute, alte Zeit, als scheinbar teilnahmslos herumlungernde Gruppen von Jugendlichen als sicheres Indiz für Rauschgiftgeschäfte oder gute alte Diebstahlsdelikte taugten und wir uns fragten, ob es noch schlimmer kommen könnte. Jetzt ist es schlimmer! Pokémon Go ist seit Mitte Juli auf dem Markt und seitdem rennen ganze Horden von Jugendlichen jeden Alters mit in die Smartphones versenkten Köpfen auch durch saarländische Gemeinden. Eigentlich doch ein positiver Effekt sollte man meinen, wenn die jungen Leute unerwartet zahlreich an die frische Luft kommen und sich dabei auch noch bewegen. Blöd nur wenn es dann so viele werden, dass daraus ganz neue Probleme entstehen.

Die Geister die Niantic rief

Das bekannteste, deutsche Beispiel für durch Pokéwahn verursachte Unwegbarkeiten ist die Düsseldorfer Girardet Brücke an der Königsallee, die, mittlerweile für den Verkehr gesperrt, in Spitzenzeiten hunderte Pokéabhängige anlockte. Grund für die Sperrung war übrigens nicht ein freundliches Entegegenkommen der Stadt für die Zocker, sondern blanke Gefahrenabwehr, da mehr und mehr Pokémon-Spieler geradewegs in den fließenden Verkehr und vor die fahrenden Autos liefen.
Da haben wir in Saarbrücken, der saarländischen Poké-Hochburg, bis jetzt noch Glück gehabt, denn der absolute Hot-Spot, der Platz am Ende der Kaltenbachstraße unweit des St. Johanner Marktes, gehört ohnehin zur Fußgängerzone.

Selbst bei größer Hitze treffen sich die Pokémon-Süchtigen am St. Johanner Markt statt im Schwimmbad zu chillen
Selbst bei größer Hitze treffen sich die Pokémon-Süchtigen am St. Johanner Markt statt im Schwimmbad zu chillen

Es sind auch nicht wirklich Hunderte, die sich dort zusammenfinden, aber immer noch mehr als genug. Der Platz ist zu Spitzenzeiten proppevoll und weder auf den Bänken um die Bäume noch auf der Sitzplastik der Künstlerin Lilo Netz-Paulik ist noch eine freie Ecke zu finden.

Während in Düsseldorf ein immer wieder spawnendes Relaxo für den Ausnahmezustand inklusive extra aufgesteller Dixieklos verantwortlich sein soll, ist es in Saarbrücken einfach der Umstand, dass von hier aus gleich drei Pokéstopps zu erreichen sind. Aber bevor es jetzt zu unverständlich wird, erstmal eine kleine Einführung in die Welt von Pikachu und Co.

Um was geht es hier eigentlich?

Das ursprüngliche Pokémon-Spiel erschien 1996 in Japan als Erstes einer ganzen Serie von Videospielen. Es folgten schon 1997 eine Anime-Fernsehserie, ein Sammelkartenspiel, eine kaum überschaubare Zahl von Merchandising-Produkten und inzwischen 18 Kinofilme. Allein die Videospiele verkauften sich weltweit über 200 Millionen Mal und machen Pokémon zum erfolgreichsten Produkt der elektronischen Spielindustrie. Pokémon Go ist die neueste Veröffentlichung der Serie.

Das Spiel selbst ist schnell erklärt. Es geht es darum möglichst viele der kleinen Taschenmonster (Pocket Monster = Pokémon) zu sammeln. Die finden sich aber nicht in irgendeiner Spielwelt, sondern in der guten alten Realität, durch die der Spieler wirklich „in echt“ bewegen muss, um zum Beispiel eines der Monster zu finden. Hat er sich dann tatsächlich einem Pokemon auf unter 50 Meter genähert, so wird ihm das auf dem Display seines Smartphones in einem realen Plan seiner Umgebung angezeigt und er hat die Möglichkeit, es durch Abwerfen mit dem Pokéball zu fangen. Das ist dann übrigens dieses Wischen mit einem Finger über das Display mit dem sich Pokésuchties outen.

Eine weitere Möglichkeit zu Pokémon zu kommen ist, diese aus Eiern auszubrüten, wobei man allerdings je nach Typ auch zwischen zwei und zehn Kilometern laufen muss. Beides kann man dann so lange tun, bis man alle zurzeit möglichen 146 Pokémon in seiner Sammlung (Pokédex) hat, was dann ein mögliches Ziel des Spieles wäre. Für die eigene Fitness könnten übrigens dann knapp 200 gelaufene Kilometer verbucht werden.

Noch ein Ziel kann es sein als Spieler (Trainer) sein Level (bis maximal Level 40) zu steigern. Hierzu ist auch jede Menge Rennerei nötig, denn um zu „leveln“ heißt es auch Pokémon fangen, ausbrüten – oder zu kämpfen. Das wäre dann ein weiteres beliebtes Ziel, denn nicht eben Wenige spielen Pokémon Go vor allem, um sich in Pokéarenen mit den Pokémon anderer Spieler (Trainer) zu messen. Pokéarenen finden sich genau wie Pokéstops (wo sich Spieler mit zusätzlichen Spielgegenständen versorgen können) an vordefinierten Orten in der realen Welt, zu denen dann hingelaufen werden muss. Diese Plätze sind es dann auch, wo es den bekannten tumultartigen Anhäufungen von Spielern kommt. In Wirklichkeit ist das ganze etwas komplexer, aber das sollte jetzt ausreichen, um zu erkennen, worum es hier geht.

Patrick, 26, Team Rot, Level 20, spielt täglich mindestens zwei Stunden: „Ich hab‘ am 7. Juli zwei Tage vor dem offiziellen Release angefangen zu spielen. Wenn tatsächlich erst zehn Prozent des gesamten Spiels draußen sind, werde ich wohl noch ‘ne ganze Zeit damit beschäftigt sein.“
Patrick, 26, Team Rot, Level 20, spielt täglich mindestens zwei Stunden:
„Ich hab‘ am 7. Juli zwei Tage vor dem offiziellen Release angefangen zu spielen. Wenn tatsächlich erst zehn Prozent des gesamten Spiels draußen sind, werde ich wohl noch ‘ne ganze Zeit damit beschäftigt sein.“

Was geht Saarbrücken

Und damit sind wir wieder am St. Johanner Markt, wo wie gesagt gleich drei Pokéstops die Spieler anlocken. Natürlich finden sich Arenen und Stopps recht gleichmäßig über ganz Saarbrücken verteilt, mit drei Ausnahmen: Nauwieser Viertel, St. Johanner Markt und Deutsch-Französischer Garten. Besonders an den ersten beiden Orten häufen sich Pokéstops und –Arenen im Übermaß und hier ist wirklich in relativ kleinem Radius reichlich Beute zu machen, natürlich auch gefördert durch die megazentrale Lage in der Saarbrücker City.

Aber es gibt weitere Orte in Saarbrücken, die mehr und mehr Spieler in ihren Bann ziehen. Das sind die Plätze an denen besonders seltene Pokémon auftauchen (spawnen). Zuerst nur als Geheimtipps unter Freunden weitergesagt, werden die meisten dieser Special Places früher oder später recht schnell bekannt. So haben sich längst die meisten Saarbrücker am Nanteser Platz mit Schlorr und Onix und am Willi-Graf-Ufer mit Dratini versorgt, während Pikachu immer wieder am Schloss angetroffen wird und man für Flamara bis auf den Rodenhof muss.

Anna, 21, Team Blau, Level 23, ist eigentlich so gut wie immer am Spielen: „Ich will halt alle Pokémon sammeln, ein voller Pokédex ist mein Ziel. In die Arenen gehe ich nur um die Goldmünzen zu kriegen!“
Anna, 21, Team Blau, Level 23, ist eigentlich so gut wie immer am Spielen:
„Ich will halt alle Pokémon sammeln, ein voller Pokédex ist mein Ziel. In die Arenen gehe ich nur um die Goldmünzen zu kriegen!“

Wir wären aber nicht das meistgelesene Pokémon-Magazin im Saarland, wenn wir nicht auch noch ein paar weniger bekannte Tipps und Locations beitragen würden. Als erstes zum Lieblings-Pokémon der Redaktion: Dragoran (wer wissen will warum, kann ja mal im Impressum nachschauen). Die Dragonir-Entwicklung war bis jetzt ja nur ganz selten an der Daarler Stiftskirche gespawnt. Wir würden es eher am frühen Abend an der Ecke Kaiser- und Karcherstraße versuchen oder gegen 22.00 Uhr in der Cecilienstraße auf der Nauwies. Etwas gruselig hingegen sieht Sleimok ja schon aus, aber auf dem Alt-Saarbrücker Friedhof wird das gegen halb neun ja kaum jemand stören. Wer allerdings am helllichten Tag der Sinn nach Dragonir, Elektek oder Rossana steht, kann ja mal eine Runde mit der Bahn im DFG fahren. Jetzt wollen wir nur noch hoffen, dass während des Drucks dieses Heftes kein Update dazwischen kommt.

Maurice und Jonas, beide 13, beide Team Gelb, Level 20 und 23, sind praktisch auch von Anfang an dabei: „Es macht halt auch Spaß rumzulaufen, dass man halt nicht die ganze Zeit nur rumhockt. Man lernt halt auch andere kennen, guckt wie die spielen und das ist halt auch schön.“
Maurice und Jonas, beide 13, beide Team Gelb, Level 20 und 23, sind praktisch auch von Anfang an dabei: „Es macht halt auch Spaß rumzulaufen, dass man halt nicht die ganze Zeit nur rumhockt. Man lernt halt auch andere kennen, guckt wie die spielen und das ist halt auch schön.“

Risiken und Nebenwirkungen

Apropos Update, seit Niantic allen, die mit unlauteren Mitteln und der Hilfe von Drittanbietern nachhelfen wollen, zum letzten großen Update mit einem dauerhaften Rausschmiss, sprich permanentem Bann, droht, schien sich der Hype etwas beruhigt zu haben. Aber nur zwei Wochen nach der Bannwelle ist alles wieder beim alten und der Wahnsinn geht weiter.

Eine durchaus positive Nebenwirkung konnte jetzt hingegen die Stadt Leipzig vermelden. Dort hatte sich seit Jahren in einem kleinen Park hinter der Oper an einem eigentlich idyllischen Schwanenteich die Drogenszene festgesetzt. Selbst durch gesteigerte Polizeipräsenz und ständige Razzien war dem Übel nicht beizukommen – bis Pikachu kam. Unbeeindruckt von den schwierigen Verhältnissen vor Ort hatten die Spielserver just dort drei Pokéstops instaliert und natürlich kannten die Pokémon-Gemeinde kein Halten. Seit dem nun etliche Dutzende von Taschenmonsterjäger den Park überbevölkern, haben die Dealer und ihre Klientel Reißaus genommen. Sollte der Irrsinn etwa doch zu etwas nutze sein?

 

 

Die Moral von der Geschicht‘

Mit einem wirklichen Abflauen der Poké-Begeisterung ist in der Tat so schnell nicht zu rechnen. Immerhin haben die Macher zum Release in Europa darauf hingewiesen, dass damit erst zehn Prozent des tatsächlichen Spielpotentials ausgeschöpft sein. Damit sind nicht irgendwelche Updates mit kleinen Fixes und ein paar eher kosmetische Veränderungen gemeint, sondern ganz massive Neuerungen und Erweiterungen. So handelt es sich bei den im Augenblick im Spiel aktuellen Pokémon nur um die allererste von insgesamt bald sieben Generationen. Also unabhängig davon, ob bald die ersten „Legendären“ ins Spiel eingreifen, warten insgesamt noch weit über 600 andere Pokémon auf ihren Einsatz – und da sind erst die richtigen Kracher dabei.

In ihren Facebookgruppen erstellen die Spieler sogar detaillierte Karten wo Pokéstops zu finden sind. Das Nauwieser Viertel ist ganz klar das Poké-Epizentrum.
In ihren Facebookgruppen erstellen die Spieler sogar detaillierte Karten wo Pokéstops zu finden sind. Das Nauwieser Viertel ist ganz klar das Poké-Epizentrum.

Denkbar ist das Hinzufügen von neuen Items, die aus den „richtigen“ Spielen und den Animes bereits bekannt sind. Zum Beispiel mehr Pokebälle, wie den berühmten Meisterball der mit einer Wahrscheinlichkeit von 100 Prozent jedes wilde Pokemon fängt. Auch die Möglichkeit, dass Spieler untereinander Pokémon tauschen könnten, wird von der Gerüchteküche heiß gehandelt.

Richtig viel Potential gibt es auch noch bei den Kämpfen. Zurzeit sind die ja nur ortsgebunden in den Arenen möglich, wobei auch eines immer computergesteuert ist. Vieles spricht aber für die baldige Möglichkeit direkter Kämpfe zwischen Pokémon zweier Trainer an beliebigen Orten und beide spielergesteuert. Wenn dann noch das Kampfsystem analog zu den DS-Spielen verbessert wird, statt tippen vier Attacken beispielsweise, dann werden die Kämpfe nicht nur taktisch interessanter.

Unterm Strich führt ganz offensichtlich kein Weg daran vorbei anzuerkennen, dass uns dieser Wahnsinn mit Methode noch lange erhalten bleiben wird und so schnell keine Mutter mehr unbedacht rufen wird: „Kinder, geht doch raus spielen!“

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